Jesus ist nicht tot. Jesus lebt! Er ist mitten unter uns

Er hat uns zugesagt, dass er in Brot und Wein zu uns kommt, wenn wir uns in seinem Namen versammeln. An Fronleichnam machten wir uns das im Besonderen bewusst.

Bild: Sarah Frank in Pfarrbriefservice.de

Predigt unserer Pastoralreferentin Ines Spitznagel:

Vielleicht hat der ein oder andere von Ihnen noch die Zeiten des Kalten Krieges erlebt. Aber ich meine nicht den kalten Krieg zwischen Russland und Amerika, sondern einen anderen. Nämlich den Kalten Krieg zwischen den Konfessionen. Die Zeit von getrennten Schulhöfen, auf denen die Kinder in ev. und kath. sortiert nur untereinander gespielt haben...Zeiten, in denen es zum Familienzerwürfnis kam, wenn der angestrebte Partner nicht die „richtige“ Konfession hatte. Da wurde gestichelt und provoziert.

Gerade das Fest, das wir heute feiern, war für evangelische Christen seit jeher eine Provokation – und ist es vielleicht bis heute.

Die Provokation, sie besteht ja darin, was mit dem eucharistischen Brot, das wir eigentlich durch unsere Straßen tragen, über unseren Glauben ausgesagt wird. Und am Evangelium können wir sehen, dass diese Provokation von Anfang an bestand. Bereits die frühen Christen waren sich bewusst, dass ihr Glaube anstößig ist und deshalb auch auf Ablehnung stößt. „Wie kann er uns sein Fleisch zu essen, sein Blut zu trinken geben?“ fragen die Gegner Jesu. So könnten wir auch heute noch fragen. Denn die Sätze, die Jesus formuliert, klingen ja tatsächlich eigenartig: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben!“ Die Menschen seiner Zeit konnten das nicht verstehen. Und so hat man schnell über die neu entstandene Gruppe der Christen erzählt: „Die essen Menschenfleisch und trinken Blut! Die Christen sind komische Leute. Vielleicht sogar gefährlich.“ Man kann sehen, wie Diskriminierung schon damals funktioniert hat: Man weiß nicht, was man von jemandem halten soll, versteht ihn nicht recht und dann sät man üble Gerüchte. Und schon bald schiebt man der diskriminierten Gruppe dann Verbrechen in die Schuhe. So wie 64 n.Chr. den Brand in Rom.

Bisweilen wird das, was wir in der Eucharistie feiern, bis heute als Provokation empfunden. Und das ist es ja auch. Es ist eigentlich unglaublich, dass wir daran glauben, dass in diesem kleinen Stück Brot der Heilige Gott wirklich mitten unter uns ist.

Die Provokation des christlichen Glaubens, sie liegt nicht irgendwo. Sie liegt in einer Person: in Jesus Christus. Sie liegt darin, dass wir glauben, dass in dieser Person der heilige Gott als Mensch unter Menschen ist. Sie liegt darin, dass wir in seinem Weg an das Kreuz den Weg Gottes für uns sehen, und für unsere Welt. Sie liegt darin, dass wir daran glauben, dass die wahre Macht dieser Welt nicht die Gewalt ist, sondern die Hingabe. Die Provokation liegt darin, dass wir an den glauben, der sich der Welt ausgeliefert hat, um sie so zu überwinden.

Wenn wir heute in besonderer Weise das eucharistische Brot in den Mittelpunkt stellen, dann sagen wir damit: Jesus ist nicht tot. Jesus lebt! Er ist mitten unter uns. Er hat uns zugesagt, dass er in Brot und Wein zu uns kommt, wenn wir uns in seinem Namen versammeln. Er hat uns versprochen, dass wir nicht allein sind in unserer Welt und in unserem Leben. Er hat uns gesagt: Was immer bei dir geschieht, ich bin bei Dir! Glaube daran, dann wirst Du meine Kraft in Deinem Leben spüren. Verborgen und unscheinbar, aber doch so, dass sie Dich trägt.

Vor einigen Jahren ist ein Buch erschienen, das den Titel trägt: „Homo Deus“ – Der Mensch wird zu Gott. Der Autor beschreibt darin die Entwicklung der Menschheit. Er sieht sie darin, dass der Mensch selbst zu Gott wird, nachdem er Gott abgeschafft hat. Er braucht Gott nicht mehr. Die Folgen sind dramatisch. Denn wenn es Gott nicht mehr gibt, dann müssen wir selbst Gott sein. Dann müssen wir das Schicksal der Welt bestimmen. Dann müssen wir unser Leben tragen. Dann sind wir ganz allein.

Jesus sagt uns heute: Nein, das seid ihr nicht! Ich bin bei Euch als der, der euch trägt. Vertraut auf meine Gegenwart. Seid euch gewiss, dass ich da bin, wenn ihr in meinem Namen die Eucharistie feiert und meinen Leib empfangt. Dann komme ich zu euch.

Wenn wir von dieser Gewissheit her leben, dann gewinnt unser Leben eine neue Perspektive. Dann ist das Ziel unseres Lebens nicht mehr, dass wir selbst Götter werden. Dann ist unser Ziel vielmehr: wahre Menschlichkeit. Menschen zu sein, nicht Gott. Menschen, mit ihren Grenzen und Unzulänglichkeiten. Menschen, mit ihren offenen Fragen und Brüchen im Leben. Menschen, die Schuld und Zweifel kennen. Menschen, die nicht perfekt sind. Menschen, die alt werden und schwach. Menschen, die manchmal nicht wissen, was richtig ist.

Jesus sagt uns: Habt den Mut, Menschen zu sein! Denn in Eurem Menschsein, in Eurem Fragen und Zweifeln, in Eurem Suchen und Scheitern bin ich bei Euch da! Ich führe Euer Leben zum Ziel!

Wenn wir uns das sagen lassen, liebe Schwestern und Brüder, dann wird Mut geboren! Die Fragen und Zweifel müssen uns nicht mehr den Mut nehmen zum Glauben. Die Erfahrung des Scheiterns muss uns nicht müde werden lassen, es je und je neu zu versuchen. Die Spuren des Todes in unserer Welt müssen uns nicht daran abhalten, an Gott als den zu glauben, der das Leben will. Den Spuren des Lebens mehr zu vertrauen, als dem, was dagegenspricht. Dem Mut mehr als der Angst. Der Liebe mehr als dem Hass. All das könnte ja auch furchtbar naiv erscheinen angesichts der Nachrichten, die wir tagtäglich sehen.

Jesus sagt uns heute: Ich bin da! Trotz allem! Habt den Mut, Euch zu mir zu bekennen und auf der Spur zu leben, die ich in dieser Welt gelegt habe. Ich führe Euch zum Leben.

Heute an Fronleichnam können wir die Hostie nicht durch die Straßen unserer Stadt tragen. Aber wir können auch heute davon reden, was dieses kleine Stück Brot ist: Jesus, da für uns. Mitten in unserer Welt.

Dafür steht die Hostie, dass Gott diese Welt nicht preisgibt, weil er sie unendlich liebt. Sie steht dafür, dass wir nicht aufhören, für diese Welt zu beten, zu hoffen und zu glauben. Und dabei die Erfahrung machen: Das, was Jesus sagt, ist wahr:

Er ist da. Bei Dir und bei mir. Mitten unter uns. Konfession egal. Wir gehören zu ihm. Amen.