Predigt zu Markus 13, 33 -37 (Matth 24, 29-36)

Markus 13, 33 -37

Endzeitstimmung kündet das heutige Evangelium zum ersten Advent an: Sonne und Mond verfinstern sich, die Sterne fallen vom Himmel und die Kräfte des Himmels werden erschüttert. Das Ende steht vor der Tür und der Menschensohn kommt vom Himmel, um Gericht zu halten.
Was liegt da näher als die schon vorhandene pessimistische Grundstimmung durch die Corona Pandemie in einem apokalyptischen Rundumschlag zu verstärken und einen bevorstehenden Untergang der Welt heraufzubeschwören.
Wir alle kennen solche apokalyptischen Drohpredigten, die alles Schwarz in Schwarz malen.

Die Gefahren solch einer Deutung werden bewusster, wenn wir uns das Weltbild der Apokalyptik genauer anschauen. Die Apokalyptik, im 2. Jhd. vor Chr. im Judentum entstanden, ging davon aus, dass der jetzige Weltenlauf unabänderlich einem nahen Ende zueilen wird.
Die Ursache dafür sah man in der Bosheit der Menschen. Die Apokalyptiker hatten ein dualistisches Weltbild, sie glaubten an Mächte des Bösen und Mächte des Guten, die sich gegenseitig im Weltenlauf bekämpfen.
In der jetzigen Welt habe das Böse, personifiziert im Antichristen und im Satan die Oberhand gewonnen. Doch Gott als gute Macht hat dieser dem Bösen verfallenen Welt den Untergang durch kosmische und irdische Katastrophen vorherbestimmt.
Nur ein Rest frommer Menschen, die Auserwählten wird durch die Katastrophe hindurch gerettet.

Dies Weltbild lässt der Geschichte keine Offenheit‚ es lässt keine Offenheit für geschichtsveränderndes Handeln der Menschen.
In der Apokalyptik werden die Konflikte des Lebens nicht ausgehalten, sondern übersprungen. Rettung und Heilung der in die Irre gegangenen Menschheit und der in die Krise geratenen Schöpfung ist nur durch ihren Untergang möglich. 
Der Großteil, der dem Bösen verfallenen Menschheit, fällt im Endgericht der Verdammung und Hölle anheim.

Diese apokalyptische Deutung des heutigen Evangeliums über das Endgericht versetzte jahrhundertelang die Christenheit in Angst und Schrecken. Denken wir an die bedrohlichen Schreckensgemälde des Endgerichts bei Hieronymus Bosch. 
Noch in den 80 er Jahren kannte ich viele gläubige Katholiken, denen in ihrer religiösen Erziehung mit solchen Vorstellungen Angst und Schrecken eingejagt wurde. Das ist meines Erachtens Grund genug ein für alle Mal mit einer konkret apokalyptischen Deutung unseres Evangeliums Schluss zu machen.

Bilder der apokalyptischen Literatur klingen in unserem Evangelium zwar an, doch ist ein wortwörtliches Verständnis der Bibel nicht zwingend. Wir müssen die Rede von der Endzeit und dem Endgericht nicht geschichtlich verstehen und an der Weltgeschichte zu konkretisieren suchen.
Ohnedies lebt die Christenheit nicht mehr in der gespanten Naherwartung der Urgemeinde, sondern ist des Wartens auf die zweite konkrete Wiederkunft Christi während 2000 Jahren wirklich müde geworden.

Ein anderes Verständnis eröffnet uns das heutige Evangelium, wenn wir die Bilder als Umschreibung unserer Gottesbeziehung deuten. Es war für mich die spannendste Entdeckung, während der Predigtvorbereitung, dass die kosmischen Bilder, verfolgt man ihre Traditionsgeschichte, gerade solch eine existenzielle Deutung nahelegen.

Das Bild vom Sternenfall und der Verfinsterung von Sonne und Mond erscheint nicht nur in der apokalyptischen Literatur, sondern es ist viel älter.
Es geht zurück auf die Propheten des 8. Jhd. vor Chr. Bei Amos und Jesaja z.B. beschreiben diese Bilder keine kosmischen Katastrophen, die eine dem Bösen verfallenen Welt ihrem Untergang zuführt, sondern sie sind bildhafte Umschreibungen für die Gewalt, mit der Jahwe erscheint.

Das Bild vom Beben der Erde und von der Verfinsterung des Tages beim Erscheinen Gottes ist noch weiter im Alten Testament zurück verfolgbar.
Wir finden das Bild in der Sinai Offenbarung Gottes und in den Psalmen. 
So in Psalm 97: " Rings um ihn her sind Wolken und Dunkel, seine Blitze erhellen den Erdkreis; die Erde sieht es und bebt.“

Gott erscheint in der Dunkelheit, die Gewalt seiner Erscheinung bringt alles zum Beben. Beben, Erschütterung und Finsternis! Werden hier nicht in Bildern innere Zustände beschrieben: Reaktionsweisen des Menschen, wenn Gott ihm begegnet; oder innere Krisen, die Menschen auf Gott hin eröffnen?

In der Geschichte vom brennenden Dornbusch in Exodus 3 wie in der Sinaioffenbarung kommen tiefgreifende Gotteserfahrungen zum Ausdruck.
Wäre es nicht denkbar, dass der Beter des Psalms äußerlich beschreibt, was er in sich erfahren hat als er Gott gewahr wurde?


So gedeutet sind dann die Finsternis und das Beben nicht Anzeichen für
einen Weltuntergang, sondern Anzeichen für eine Gotteserfahrung. 
Sind wir dafür offen?
Wir suchen Gott oft im Hellen, im Heilen, in den geordneten Bahnen unseres religiösen Lebens. Wie aber wenn er uns in der Finsternis begegnen möchte, 
im Dunkel der Verlassenheit, im Dunkel von Krankheit und Leiderfahrung?
Wie aber, wenn er gerade dort sich uns offenbaren möchte, wo ein Schicksalsschlag uns an ihn zweifeln lässt?
Nicht selten ist die Reaktion auf den plötzlichen Tod eines nahestehenden Menschen, auf eine schwere Krankheit: Wie kann Gott das zulassen?
Warum hilft er nicht?

Uns allen fällt es schwer offen zu sein für eine Begegnung Gottes in der eigenen Finsternis. Gott zuzutrauen, dass er auch in der Verlassenheit, in der eigenen Ängstlichkeit anwesend ist und sich zeigen möchte.
Es fällt uns schwer Krisen nicht auszuweichen, sondern ihnen standzuhalten. Krisen als eine Chance zu begreifen. Wenn unsere scheinbaren Sicherheiten sich auflösen, können wir vielleicht zu der Erkenntnis gelangen, dass Gott unser Leben trägt.

Gerade jetzt, wo die Fallzahlen der Corona Infizierten nach wie vor erschreckend hoch sind, haben wir Angst, fühlen uns bedroht, sind wir mit weniger sozialen Kontakten als üblich, auf uns selber zurück geworfen.
Darin auszuharren, im Vertrauen, dass Gott auch in unserem Dunkel erscheinen möchte, ist eine Botschaft des heutigen Evangeliums.

Wir warten auf die Ankunft Gottes in Jesus Christus in mehrfachem Sinn: 
Auf seine Ankunft in der Feier des Festes an Weihnachten. 
Wir warten auch darauf, dass Jesus Christus in mir selbst, in meinem gegenwärtigen Leben, ankommt. Jesus mahnt uns, wach, d.h. präsent zu sein, damit wir seine Ankunft nicht verschlafen.