272.771 Menschen

sind in Deutschland im Jahr 2019 aus der katholischen Kirche ausgetreten. Diese Entwicklung, die in der evangelischen Kirche mit etwa 270.000 Austritten ähnlich verlief, wurde im Reutlinger Generalanzeiger vom letzten Samstag als „Unaufhaltsamer Niedergang“ bezeichnet (E. K. Schürer im GEA, 27.06.2020, S. 3). Bei der katholischen Kirche liege die Vermutung nahe, dass viele Gläubige angesichts ausbleibender Reformen schlicht die Geduld verlieren würden. Die Kirche erscheine als verknöcherter Machtapparat, der an alten Ritualen festhalte, Frauen ausschließe und mit seiner altertümlichen Sexualmoral nicht ernst zu nehmen sei. Doch, so der Kommentator weiter, das erkläre die Austritte nicht zur Gänze, denn auch die evangelische Kirche mit ihrem moderneren Erscheinungsbild verliere Mitglieder.

Woran könnte der Niedergang dann noch liegen?

Im Jahr 1872 schrieb der Ludwigsburger Philosoph und Theologe David Friedrich Strauß: „Nicht zu zählen jedenfalls ist die Menge derer, die von dem alten Glauben, der alten Kirche, sei es evangelische oder katholische, sich nicht mehr befriedigt finden; die den Widerspruch teils dunkel fühlen, teils klar erkennen, worin beide immer mehr mit den Erkenntnissen der Welt- und Lebensanschauung, den geselligen und staatlichen Bildungen der Gegenwart gekommen sind, und die hier eine Änderung, eine Abhilfe, für ein dringendes Bedürfnis halten.“ (Der alte und der neue Glaube, 11. Aufl., S. 5).

Der Jesuit Roger Lenaers führte im Jahr 2000 aus: „Dass die Verkündigung nicht mehr ankommt, findet daher seinen einfachen Grund darin, dass die Vorstellungen der verkündigenden Kirche, ihr Weltbild und ihr Menschenbild und zusammenhängend damit ihr Gottesbild, im Mittelalter steckengeblieben sind, während die westliche Gesellschaft sich in einem immer rascheren Tempo vom Mittelalter entfernt. Wer denkt und fühlt wie im Mittelalter, redet auch so. Für den modern denkenden und fühlenden Menschen ist diese Sprache eine Fremdsprache geworden (…)“ (Der Traum des Königs Nebukadnezar, 3. Aufl., S. 15).

Im Katholischen Sonntagsblatt 7/2020 (S. 3) las ich im „Klartext“ des Chefredakteurs R. Schlotthauer: „Viele „gute Katholiken“ meist der älteren Generation aber wurmt es (…), dass sie lebenslang in einem altertümlich-magischen Glauben gefangen gehalten worden sind. Weil ihnen ein wirklich aufgeklärter, befreiender und zugleich mystischer Glaube vorenthalten worden ist, den es braucht, um Gott heute im nicht immer leichten Alltag mit all den komplexen Entscheidungen erlebbar zu machen. Das muss ein Ende haben.“

Diese drei Äußerungen stellen für mich schlüssige Erklärungsmodelle für den Niedergang der Kirchen dar. Sie helfen mir persönlich, denn schon länger stelle ich fest, wie ich mich von einzelnen grundlegenden Glaubenssätzen der Kirche entferne. Ich frage mich: Sollte ich mutiger bekennen, was ich nicht mehr glaube?

Beste Grüße

Holger Grumann

Ergänzung: Im Jahr 2019 sind aus der Gemeinde St. Lukas 145 Menschen ausgetreten.