Was steht morgen im Liedplan? - Gedanken zum Dreifaltigkeitssonntag

„Ich höre, wie von jemandem gesagt wird, er führe ein Doppelleben.

Im Stillen denke ich: bloß zwei?“

Diese Äußerung des US-amerikanischen Journalisten Leon Wieseltier habe ich mir vor vielen Jahren aus einem Zeitungsartikel herausgeschrieben.

Ich finde dieses Zitat spannend, weil es den Begriff des in aller Regel als moralisch fragwürdig angesehenen Doppellebens weiter fasst und in ein anderes - neutrales - Licht rückt.

Führen wir nicht alle verschiedene Leben? Zum Beispiel: Selbst schon Vater bzw. Mutter, aber immer noch Sohn bzw. Tochter der eigenen Eltern; Der Aktivist für die Umwelt und Liebhaber von Flugreisen in ferne Länder; Die Deutsche und Europäerin; Der fröhliche und umtriebige Pfadfinder im Trupp, der stille und passive Teenager daheim; Die Autofahrerin und die Radfahrerin; … 

Kein Wunder eigentlich, dass auch für den Gott unseres Glaubensbekenntnisses ein einziges Leben nicht als ausreichend angesehen wurde, nicht einmal ein Doppelleben, nein: ein dreifaches Leben als Vater, Sohn und Heiliger Geist bekennen wir. Denke ich an die fehlende Mutter und Tochter erscheint mir selbst die dreifaltige Vorstellung Gottes noch unvollständig.

Die Dreifaltigkeit Gottes ist Gegenstand des Lieds „Wunderbar bist du, o Herr“ im Gotteslob Nr. 834, das morgen auf dem Liedplan steht und sehr gut gemacht ist.

Nicht nur im Text des Liedes wird die Dreifaltigkeit besungen. Die Dreifaltigkeit findet vielmehr ihren weiteren Ausdruck im Drei-Viertel-Takt, in dem das Lied steht. Der gibt Schwung und Leichtigkeit - wir haben es mit einem Walzer zu tun. Man könnte zu diesem Lied tanzen! Der Schwung reicht so weit, dass die drei (!) Verszeilen, aus denen die einzelnen Strophen bestehen, keinen Reim am Ende benötigen. Durch den Schwung des Liedes will man gar nicht aufhören zu singen. Bestärkt wird dies durch die Harmonien. Obwohl es sich um ein Lob- und Danklied handelt, steht das Lied in d-moll, also einer „traurigen“ Tonart. Aber: nur die letzte Verszeile endet in d-moll. Die beiden ersten Verszeilen schließen jeweils im „fröhlichen“ F-Dur ab. Ich denke daran liegt es, dass das Liedende die Sängerinnen und Sänger nicht befriedigt und zur Fortsetzung drängt. Wie unser Leben erhält das Lied dadurch einen offenen Charakter.

Da wir morgen in den Gottesdiensten noch immer nicht gemeinsam singen dürfen, schicke ich Ihnen anbei eine Aufnahme mit der Orgelbegleitung zum häuslichen Gesang. Wer nach den acht Liedstrophen noch nicht genug von der schönen Melodie hat, kann die Nr. 815 des Gotteslobs aufschlagen. Die gleiche Melodie wird dort für ein Pfingstlied mit zehn (!) Strophen verwendet.

Ich wünsche allen einen schön vielfältigen Dreifaltigkeitssonntag.

Holger Grumann

Quelle des Zitats von Leon Wieseltier: DIE ZEIT, 08/1995, 17. Februar 1995