Alles wird gut

Alles wird gut. Wie oft haben wir diesen Satz in den vergangenen Wochen gelesen: An Fenstern, von Kindern mit einem Regenbogen gemalt, unter Bildern in WhatsApp Nachrichten oder auf bemalten Bettlaken, die an den Balkon gehängt wurden. Alles wird gut - das ist ein Satz, der Hoffnung machen soll, gerade weil es so viele offene Fragen gibt. Aber kann er auch helfen?

Anfangs habe ich mich schwer getan mit diesem Satz. Zu billig, zu einfach erschien er mir angesichts der Bedrohung, der Unsicherheit, der Entwicklungen in unserem Land und weltweit. Es ist ja auch ein Satz, der Gefahr läuft, Probleme und Ängste einfach unter den Teppich zu kehren. Wenn man nicht weiß, was man noch sagen soll, dann nimmt man das als letzte Floskel: Alles wird gut. Dieser Satz, er erreicht uns nicht – gerade dann, wenn Trauriges uns widerfährt, wenn wir dem Leid ohnmächtig gegenüberstehen. Wenn jemand stirbt, wenn man keinen Ausweg mehr sieht, wenn Angst um sich greift. Dann spüre ich das nicht, dass alles gut wird. Und dann bleibt dieser Satz leer. Ja, dann klingt er sogar zynisch.

Ich muss an die Jünger denken, von denen wir heute in der Pfingstgeschichte hören. Für sie war ja die letzten Wochen auch alles so ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatten. Jesus, am Kreuz gestorben. Tot – und jetzt? Kann jetzt noch alles gut werden? Hatte Jesus nicht gerade davon geredet? Vom „Reich Gottes“, von einem Ort, an dem alles gut ist, an dem Gott bei den Menschen ist, an dem es kein Leid mehr gibt und nicht mehr den Tod? Eine leere Versprechung?

Und dann begegnet Jesus ihnen neu – und macht sie erst einmal sprachlos. Vielleicht kennen Sie das auch, dass es einem die Sprache verschlägt angesichts einer Begegnung, mit der wir nicht gerechnet hätten und die uns durch und durch erfüllt. Wenn uns Überwältigendes begegnet: Die Schönheit der Natur, die Umarmung von einem lieben Menschen, bei frisch Verliebten der erste Kuss. Dann verstummen wir vor Glück, dann kommt in einem Gefühl zur Sprache, was in Worten eigentlich nicht auszudrücken ist.

So muss es bei den Jüngern gewesen sein. Jesus begegnet ihnen neu. Als der, der ihnen sagt: „Alles wird gut!“ „Ich bin bei euch!“

Und auf einmal bekommt dieser Satz einen ganz anderen Klang. Weil wir es dann spüren, weil wir es dann bis in die Fingerspitzen fühlen und es anfängt, in uns zu kribbeln. Dann können wir nicht mehr anders, als es herauszurufen in die ganze Welt: Alles wird gut!  

Von genau solch einer Begegnung erzählt uns Pfingsten. Und auch das beginnt mit einem eigentlich einfachen Satz: „Friede sei mit euch!“ Friede – das ist dann, wenn alles gut ist. Wenn ich es spüren und erfahren kann. Wenn ich auf einmal von der Hoffnung ganz in Beschlag genommen werde, dass alles gut werden wird! Die Jünger, auch sie haben ihren persönlichen Lockdown erfahren. 50 Tage, in denen sie nicht wussten, wie es wohl weitergehen wird. In denen sie nicht wussten, ob alles gut werden würde. Sie haben sich neu sortiert in dieser Zeit. Haben nachgedacht, gebetet. Und dann dieser Moment, in dem sie aus ihrer Sprachlosigkeit befreit werden und zu reden beginnen. Und Gehör finden. Verstanden werden. Ihre Angst der Hoffnung weicht und sie merken, dass Jesus wirklich weiterwirkt und weiterlebt. Dass er da ist. Anders, als sie es gewohnt waren – und vielleicht auch anders, als sie das gerne gehabt hätten. Aber es packt sie – und dann gehen sie raus und erzählen von Gott.

Genau da – wo Menschen beginnen von Gott zu sprechen, da entsteht Kirche. Nicht als Institution, nicht als träges und moralinschweres Gebilde. Sondern als ein Zeichen dafür, dass unsere Welt nicht gott-los ist. Dass es Hoffnung gibt und Trost und Füreinander da sein. Als ein Zeichen, dass alles gut wird – weil Gott mit uns ist.

Alles wird gut – dafür steht Jesus ein. Und zwar nicht als irgendwer. Sondern als derjenige, der dem Tod die Macht genommen hat. Der es weiß. Der der Sohn Gottes ist. Drunter geht’s nichts. Und dem vertraue ich auch. Weil ich weiß, dass es keine leere Floskel ist, nicht einfach so dahergesagt. Sondern bezeugt durch sein Leben und sein Sterben und sein Auferstehen, durch Gott selbst.  

 „Ich sende euch in die Welt“ – so sagt es Jesus. Das ist der Auftrag, den wir heute mitbekommen: Wir sollen rausrücken mit der Sprache, mit dem, was wir glauben und beten und hoffen. Nicht, weil wir das müssten, nicht, weil wir uns damit den Himmel verdienen könnten. Sondern schlichtweg deshalb, weil unsere Welt diese Botschaft braucht

Das wünsche ich uns, dass Gottes Geist uns erfüllt, mit all seiner Kraft, dass wir anfangen zu erzählen von dem, was wir in unserem Leben schon mit Gott erfahren haben. Von der Hoffnung, die uns erfüllt. Dass wir nicht sprachlos bleiben sondern ein jeder von uns ein sichtbares Zeichen dieser Kirche wird. Damit auch andere spüren: Alles wird gut. Amen.


Ihre Ines Spitznagel